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André Schinkel (Halle)

Vita

1972 geboren im sächsischen Eilenburg, lebt in Halle (Saale)
1988/1991Ausbildung zum Rinderzüchter mit Abitur, später Studium der Germanistik und Prähistorischen Archäologie
verheiratet, zwei Töchter
seit 2005 Redakteur der Literaturzeitschrift »Ort der Augen«
Mitglied im PEN

Veröffentlichungen (Auswahl)

2001 Selbstung
2003 Nachricht vom Fleisch der Götter
2007 Unwetterwarnung/Löwenpanneau
2010 Apfel und Szepter

Stipendien | Anerkennung

1998 Georg-Kaiser-Förderpreis
Stipendiat der Kunststiftung Sachsen-Anhalt
2006 Joachim-Ringelnatz-Nachwuchspreis für Lyrik (vergeben von Wolf Biermann)
2006/2007 Stadtschreiber von Ranis

Zur Kunst des André Schinkel gehört es, die groben Ströme des Lebens in feingliedrige Wortfolgen zu verlegen, so dass diese im eigenen Ton zusammenspielen. Der kurze Prosatext Quartiere am Stadtrand beginnt: »Oh, es ist gut, sich in den Nächten zu betrinken... gemeinsam mit den nervösen und verschwitzten Kollegen sich betrinken nach der Arbeit und in den von Westen aufkommenden Regen zu starren. An diesen Abenden [...] werden wir beginnen, von den Verheißungen zu träumen, die sich uns tags auf den Steigen und Wegen boten – Schenkel und Brüste und Augen waren da in der leuchtenden Luft. In den Nächten, heißt es, schlagen die Herzen von den Erinnerungen lauter. Nachts sind die Gefängnisse für die gebändigten Glieder geöffnet [...].«

Schinkel schöpft aus dem dionysisch Vollen, aus dem, was die Gesellschaft selbst an ihren Rändern allenfalls in Zerrformen gestattet. Nicht nur um diesen zu entgehen, versuchen die Texte die ganze mögliche Zeit-Tiefe auszuloten: »Was Ammoniten in grenzenloser Dunkelheit träumten / Und sich sonst nicht ans Licht wagt«. Höhlen, Senken oder auch der mittelalterlich anmutende Schatten einer Burg sind die bevorzugten, dezentrierten Orte. Aus ihnen kriechen Geister, Feen und mancherlei Wesen, die sich zwischen Überlieferungen und Ahnungen aufspannen.

Das Dionysische ist ein Hauptelement dieser Dichtung: das unentwirrbare Chaos, das nichts von der Trennung der Erscheinungen wissen will, »grobe Ströme«, die noch nicht auseinanderlaufen wollen. Auf dem Titelblatt des Gedichtbands (der einen Zyklus mit kurzer Prosa enthält) findet sich eine weiße, abgeblattete Figur, die wahrscheinlich dem Verkehrsbereich zugehört, auf löchrigem Asphalt. Sie kündigt gewissermaßen ein zweites Hauptelement an, das als Löchriges, als letztlich vom Nichts Ausgehöhltes, sich Verlierendes und Verlorenes, als Erlöschendes umrissen werden kann. Wie vom Blitz getroffen brechen die Erscheinungen ab; doch bei André Schinkel rutschen sie auf der Textebene nicht allzu sehr in Traurigkeit und Schweigen – das formal gestaltet würde – ab. Sie werden vielmehr aufgefangen vom alles dominierenden Element dieser Texte, ihrem Rhythmus. Ohne die gängigen Formen zu wiederholen bzw. zu strapazieren, wird jedes Wort erstlich und letztlich in den Dienst eines eingängigen Rhythmus gestellt, der auch oder gerade dann funktioniert, wenn man den Sinn der Wortgebilde nicht unbedingt versteht bzw. – mit einer gewissen Unschärfe – erahnt. Auch das hat bekanntlich Tradition.

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